Die Tretmine
Verfasst: 12 Aug 2025, 20:56
Letztes Jahr bin ich umgezogen. Weg aus München in einen der Vororte an der schönen, meist kristallklaren Isar. Eine Station mit der S-Bahn entfernt ist mein Lieblingsplatz an diesem Flüsschen. Nicht so überlaufen wie in der Stadt, allein ist man dort aber auch nie. Und nach jedem Hochwasser sieht es anders aus, neue Kiesbänke türmen sich auf, alte sind verschwunden. Um ans Wasser zu kommen, läuft man auf einem Kiesweg durch wunderschönen und dichten Auenwald und dann biegt man ab in einen der vielen Trampelpfade, die sich durchs Gehölz schlängeln, sich wieder kreuzen und von denen viele im Nichts enden, denn die Kiesbank zu der sie einmal führten, ist weg. Wer sich hier nicht auskennt, kommt schon einmal an der selben Stelle zweimal vorbei. Aber als Stammgast kennt man sich natürlich aus. Überhaupt trifft man die selben Menschen hier immer wieder, Neulinge sind selten, viele schreckt wohl auch die Liberalitas Bavariae. Hier sind Textil und FKK gemischt und man nimmt es nicht so genau mit den Regeln der Badeverordnung.
An meinem Stammplatz, den ich mir ein bisschen eingerichtet habe - also den groben Kies weggeschafft und zwei, drei Stämme Treibholz drumherum drapiert, um zu signalisieren, dass ich am liebsten meine Ruhe habe - trinke ich nach der Arbeit gerne ein Bier, schaue aufs Wasser, höre dem Gluckern zu und träume vor mich hin. So auch diesmal. Man könnte sagen, es ist ein Sommerritual.
Später gesellten sich zwei Frauen zu mir, nicht direkt, aber auch nicht mehr als zehn Meter entfernt. Beide um die 50, schlank, die eine brünett, die andere rothaarig. Witzigerweise beide fast die selbe Frisur, Naturlocken, einen kürzeren Schnitt, ein bisschen wie diese britische Schauspielerin, die Lorna Bow in Taboo gespielt hat; 20 Jahre älter natürlich.
Sie hätten Zwillinge sein können, wären da nicht die verschiedenen Haarfarben gewesen. Ganz Zwilling tranken auch beide Aperol Spritz, die Pest des Sommers. Ich habe den Reiz davon nie verstanden, aber bitte: jedem Tierchen sein Plaisierchen!
Ich kümmerte mich nicht um die beiden, denn mir war weder nach Gespräch noch nach Gesellschaft. Und störend waren sie ja nicht. Klar, sie haben sich unterhalten, so dass ich mitkriegte, dass sie wohl am hiesigen Gymnasium Unterricht geben. Jedenfalls schloss ich das daraus, dass sie über eine 11. Klasse redeten, die wohl ziemlich anstrengend sei und vor der man sich glücklicherweise in die Sommerferien verabschiedet hätte.
Später, es dämmerte schon, zündete ich mir eine Zigarette an. Es dauerte nicht lange, da stand die Rothaarige vor mir und fragte: „Servus, host fir mi aa oane?“. Bayerisch war nie mein Ding, aber verstehen tu ich inzwischen das meiste. Ich antwortete also auf hochdeutsch, dass ich nur Tabak hätte, sie sich aber gerne eine drehen darf. Wie sich herausstellte, waren ihr selbstgedrehte Fluppen sowieso lieber. Ich gab ihr Tabak, Papers und die Filter.
Schwupps, hatte sie sich eine gedreht. Man sah, dass sie es nicht zum ersten Mal machte. Feuer hatte sie natürlich auch nicht, aber ich hielt ihr mein Zippo hin. Man nennt es zwar Sturmfeuerzeug, ehrlicherweise finde ich es genau so windanfällig wie jedes andere Feuerzeug. Sie scheiterte zweimal am lauen Abendwind und zog als Windschutz eine fast leere Packung Taschentücher aus der Tasche. Damit ging es und mit einem „merce dir“ verschwand sie aus meiner improvisierten Behausung.
Ich schenkte ihr keine weitere Beachtung, sondern zog wieder an meiner Zigarette. Ein paar Minuten würde es noch dämmrig sein, nach der Kippe wäre der Abend für mich vorbei.
Mit dem letzten Dämmerlicht und dem niedrig stehendem August-Vollmond packte ich meine Sachen und zog meine Hose und das Hemd an, schlüpfte barfuß in die Plastikbadeschuhe und ging den Pfad, den ich kam, zurück. Ich kannte den Weg und wusste, dass hier keine Stolperfallen in Form von Wurzeln oder Steinen lauerten. So ließ ich das Handy als Notbeleuchtung in der Tasche.
Nicht weit im Gebüsch rutschte ich aus. Ihr kennt das sicherlich, wenn ihr auf Matsch tretet oder in Hundekacke. Genau dieses schmierige Gefühl war es. Und es fühlte sich warm an. „Ohje“, dachte ich, „ich bin auf ein Tier getreten“ und machte doch Licht. Nein, es war kein Tier, jedenfalls keines mehr. Es war Scheisse. Ob Wurst oder Haufen, kann ich nicht sagen, aber die Bremsspur war gut und gerne 20 Zentimeter lang und hatte das Muster meiner Plastiklatschen. Daneben lagen zwei Taschentücher, eine halb gerauchte Selbstgedrehte und die blaue Plastikverpackung genau der Marke, die die Rothaarige als Windschutz verwendet hatte.
Schöne Scheiße! Das hatte mir gerade noch gefehlt. So mit der S-Bahn nach Hause, das wollte ich lieber nicht. Es war zwar nur eine Station, aber man sah recht deutlich und roch auch, worein ich getreten war.
Notgedrungen machte ich also kehrt, ging zum Ufer zurück und versuchte, das Gröbste mit Wasser abzuwaschen. So leicht geht das gar nicht ohne Seife, Bürste und mit kaltem Isarwasser schon gleich zweimal nicht. Fünf Minuten wusch ich im Schein meines Handys als die Rothaarige hinter mir stand und jetzt auf halbwegs verständlichem Hichdeutsch fragte: „Ist was? Hast du was verloren? Kann ich dir suchen helfen?“
„Nein, geht schon, ich bin nur aus Versehen in was reingetreten“ lautete meine Antwort. Ihr entgleisten alle Gesichtszüge und sie wurde wohl puterrot, jedenfalls glaubte ich das im Schein der Handyfunzel zu erkennen. „Das… tut mir sehr leid“ stammelte sie in einem Tonfall, der nicht nur Mitgefühl, sondern Schuld ausdrückte.
Sie tat mir leid! Ich hätte die Fäkalien zwar gerne überstiegen, aber eine Katastrophe war es für mich auch nicht. Wahrscheinlich hat sie es nicht einmal
absichtlich gemacht, sondern den Weg zurück mit einem der vielen im Nichts endenden Pfade verwechselt und nicht gedacht, dass hier jemand langgehen würde. Mit einem Schulterzucken und ziemlich gleichgültig sagte ich also: „sowas passiert halt manchmal…“. Ob sie mir wirklich nicht helfen soll war ihre nächste Frage. „Nein, echt nicht“, sagte ich nochmal und schob nach, dass es ja nicht ihre Schuld sei, wenn die Leute ihre Köter überall hinscheissen lassen. Natürlich wusste ich sehr wohl, dass es kein Hund war. Sie schien erleichtert, fast dankbar, dass ich einen Hund verdächtigte und ging zurück zu ihrer Begleiterin.
Nach weiteren fünf Minuten einweichen, waschen und mit Stöckchen kratzen war ich so weit, den Heimweg anzutreten. Um ihr das Gefühl zu geben, ihr nicht böse zu sein, wünschte ich im Vorbeigehen einen schönen Abend. „Danke, ebenso“, antwortete die Rothaarige ziemlich bedröppelt, während ihre Freundin kichernd ein „dir aa“ vernehmen ließ. Sie wusste wohl inzwischen was mir beziehungsweise ihrer Kollegin passiert ist und konnte sich etwas Schadenfreude nicht verkneifen.
Auf dem Weg zurück kam ich nochmal an der Stelle vorbei und ärgerte mich mehr über die
weggeworfene Kippe, Taschentücher und das Plastik. Fast hätte ich es aufgehoben. Aber dann dachte ich, lieber nicht. Sollte sie später schauen, ob ich in ihre Kacke getreten bin, würde sie wenigstens glauben, dass ich immer noch einen Hund verdächtige… Tags drauf war ich ja wieder da und beseitigte den Müll, ohne sie zu blamieren.
An meinem Stammplatz, den ich mir ein bisschen eingerichtet habe - also den groben Kies weggeschafft und zwei, drei Stämme Treibholz drumherum drapiert, um zu signalisieren, dass ich am liebsten meine Ruhe habe - trinke ich nach der Arbeit gerne ein Bier, schaue aufs Wasser, höre dem Gluckern zu und träume vor mich hin. So auch diesmal. Man könnte sagen, es ist ein Sommerritual.
Später gesellten sich zwei Frauen zu mir, nicht direkt, aber auch nicht mehr als zehn Meter entfernt. Beide um die 50, schlank, die eine brünett, die andere rothaarig. Witzigerweise beide fast die selbe Frisur, Naturlocken, einen kürzeren Schnitt, ein bisschen wie diese britische Schauspielerin, die Lorna Bow in Taboo gespielt hat; 20 Jahre älter natürlich.
Sie hätten Zwillinge sein können, wären da nicht die verschiedenen Haarfarben gewesen. Ganz Zwilling tranken auch beide Aperol Spritz, die Pest des Sommers. Ich habe den Reiz davon nie verstanden, aber bitte: jedem Tierchen sein Plaisierchen!
Ich kümmerte mich nicht um die beiden, denn mir war weder nach Gespräch noch nach Gesellschaft. Und störend waren sie ja nicht. Klar, sie haben sich unterhalten, so dass ich mitkriegte, dass sie wohl am hiesigen Gymnasium Unterricht geben. Jedenfalls schloss ich das daraus, dass sie über eine 11. Klasse redeten, die wohl ziemlich anstrengend sei und vor der man sich glücklicherweise in die Sommerferien verabschiedet hätte.
Später, es dämmerte schon, zündete ich mir eine Zigarette an. Es dauerte nicht lange, da stand die Rothaarige vor mir und fragte: „Servus, host fir mi aa oane?“. Bayerisch war nie mein Ding, aber verstehen tu ich inzwischen das meiste. Ich antwortete also auf hochdeutsch, dass ich nur Tabak hätte, sie sich aber gerne eine drehen darf. Wie sich herausstellte, waren ihr selbstgedrehte Fluppen sowieso lieber. Ich gab ihr Tabak, Papers und die Filter.
Schwupps, hatte sie sich eine gedreht. Man sah, dass sie es nicht zum ersten Mal machte. Feuer hatte sie natürlich auch nicht, aber ich hielt ihr mein Zippo hin. Man nennt es zwar Sturmfeuerzeug, ehrlicherweise finde ich es genau so windanfällig wie jedes andere Feuerzeug. Sie scheiterte zweimal am lauen Abendwind und zog als Windschutz eine fast leere Packung Taschentücher aus der Tasche. Damit ging es und mit einem „merce dir“ verschwand sie aus meiner improvisierten Behausung.
Ich schenkte ihr keine weitere Beachtung, sondern zog wieder an meiner Zigarette. Ein paar Minuten würde es noch dämmrig sein, nach der Kippe wäre der Abend für mich vorbei.
Mit dem letzten Dämmerlicht und dem niedrig stehendem August-Vollmond packte ich meine Sachen und zog meine Hose und das Hemd an, schlüpfte barfuß in die Plastikbadeschuhe und ging den Pfad, den ich kam, zurück. Ich kannte den Weg und wusste, dass hier keine Stolperfallen in Form von Wurzeln oder Steinen lauerten. So ließ ich das Handy als Notbeleuchtung in der Tasche.
Nicht weit im Gebüsch rutschte ich aus. Ihr kennt das sicherlich, wenn ihr auf Matsch tretet oder in Hundekacke. Genau dieses schmierige Gefühl war es. Und es fühlte sich warm an. „Ohje“, dachte ich, „ich bin auf ein Tier getreten“ und machte doch Licht. Nein, es war kein Tier, jedenfalls keines mehr. Es war Scheisse. Ob Wurst oder Haufen, kann ich nicht sagen, aber die Bremsspur war gut und gerne 20 Zentimeter lang und hatte das Muster meiner Plastiklatschen. Daneben lagen zwei Taschentücher, eine halb gerauchte Selbstgedrehte und die blaue Plastikverpackung genau der Marke, die die Rothaarige als Windschutz verwendet hatte.
Schöne Scheiße! Das hatte mir gerade noch gefehlt. So mit der S-Bahn nach Hause, das wollte ich lieber nicht. Es war zwar nur eine Station, aber man sah recht deutlich und roch auch, worein ich getreten war.
Notgedrungen machte ich also kehrt, ging zum Ufer zurück und versuchte, das Gröbste mit Wasser abzuwaschen. So leicht geht das gar nicht ohne Seife, Bürste und mit kaltem Isarwasser schon gleich zweimal nicht. Fünf Minuten wusch ich im Schein meines Handys als die Rothaarige hinter mir stand und jetzt auf halbwegs verständlichem Hichdeutsch fragte: „Ist was? Hast du was verloren? Kann ich dir suchen helfen?“
„Nein, geht schon, ich bin nur aus Versehen in was reingetreten“ lautete meine Antwort. Ihr entgleisten alle Gesichtszüge und sie wurde wohl puterrot, jedenfalls glaubte ich das im Schein der Handyfunzel zu erkennen. „Das… tut mir sehr leid“ stammelte sie in einem Tonfall, der nicht nur Mitgefühl, sondern Schuld ausdrückte.
Sie tat mir leid! Ich hätte die Fäkalien zwar gerne überstiegen, aber eine Katastrophe war es für mich auch nicht. Wahrscheinlich hat sie es nicht einmal
absichtlich gemacht, sondern den Weg zurück mit einem der vielen im Nichts endenden Pfade verwechselt und nicht gedacht, dass hier jemand langgehen würde. Mit einem Schulterzucken und ziemlich gleichgültig sagte ich also: „sowas passiert halt manchmal…“. Ob sie mir wirklich nicht helfen soll war ihre nächste Frage. „Nein, echt nicht“, sagte ich nochmal und schob nach, dass es ja nicht ihre Schuld sei, wenn die Leute ihre Köter überall hinscheissen lassen. Natürlich wusste ich sehr wohl, dass es kein Hund war. Sie schien erleichtert, fast dankbar, dass ich einen Hund verdächtigte und ging zurück zu ihrer Begleiterin.
Nach weiteren fünf Minuten einweichen, waschen und mit Stöckchen kratzen war ich so weit, den Heimweg anzutreten. Um ihr das Gefühl zu geben, ihr nicht böse zu sein, wünschte ich im Vorbeigehen einen schönen Abend. „Danke, ebenso“, antwortete die Rothaarige ziemlich bedröppelt, während ihre Freundin kichernd ein „dir aa“ vernehmen ließ. Sie wusste wohl inzwischen was mir beziehungsweise ihrer Kollegin passiert ist und konnte sich etwas Schadenfreude nicht verkneifen.
Auf dem Weg zurück kam ich nochmal an der Stelle vorbei und ärgerte mich mehr über die
weggeworfene Kippe, Taschentücher und das Plastik. Fast hätte ich es aufgehoben. Aber dann dachte ich, lieber nicht. Sollte sie später schauen, ob ich in ihre Kacke getreten bin, würde sie wenigstens glauben, dass ich immer noch einen Hund verdächtige… Tags drauf war ich ja wieder da und beseitigte den Müll, ohne sie zu blamieren.